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Ein Spaziergang war es nicht - Kindheiten zwischen Ost und West
Die Stimme einer zerrissenen Generation
(Herausgegeben von Anna Schädlich und Susanne Schädlich)

Als Künstler, Schriftsteller und Dissidenten zusammen mit ihren Familien in den 70er- und 80er-Jahren die DDR verlassen mussten, blieb vieles zurück: vertraute Gesichter, vertraute Orte, ganze Familiengeschichten. Zum ersten Mal ergreifen hier die Kinder von damals das Wort und sprechen über den »Systemwechsel der Seele«. Es sind Erinnerungen von Glück oder Unglück, von Befreiung oder Unsicherheit, von geschärfter Sensibilität oder Verweigerung – vor allem aber erzählen die jungen Frauen und Männer jetzt ihre Geschichte.

Sie wurden in jungen Jahren aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen und mussten im Westen neu anfangen: Susanne Schädlich war zwölf, ihre Schwester Anna vier, als sie zusammen mit ihren Eltern, dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich und dessen Frau, 1977 das Land verlassen mussten, das ihre Heimat war. Wie ihnen erging es vielen anderen, deren Familien damals denselben Weg gingen, zwangsweise oder aus eigenem Antrieb. Was weiter war, darüber ist vor allem geschwiegen worden – bis jetzt. Ob Moritz Schleime sich mit großer Erzähllust seinem »Doppelleben« als Kind annähert oder Nadja Klier sich den »Schatten auf der Seele« stellt – es sind eindringliche und eindrucksvolle Berichte von dem zentralen Bruch im Leben, mit denen Julia und Cornelia Franck, Johannes Honigmann, Moritz Kirsch, Jakob und Benjamin Schlesinger und viele andere hier erstmals an die Öffentlichkeit treten.

Die Last des Republikwechsels: Geschichten vom Erwachsenwerden zwischen DDR und BRD.

Susanne Schädlich, geboren 1965 in Jena, arbeitet als freiberufliche Autorin und Übersetzerin aus dem Amerikanischen. 2009 veröffentlichte sie den Bestseller „Immer wieder Dezember“.

Anna Schädlich, geboren 1973 in Berlin, studierte Kunstwissenschaft und arbeitet heute unter anderem als freie Kuratorin. 2010 für die BStU Neukonzeption der  Ausstellung des Menschenrechtszentrums Cottbus e.V. »Künstler in Gefangenschaft – Gefangene, die zu Künstlern wurden«.


NEUERSCHEINUNG im Frühjahr 2012, HEYNE-Verlag Deutschland

LESEPROBE

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Westwärts, so weit es nur geht

Eine Landsuche

»Amerika istdie Katze im Sack, das sag ich dir gleich«, hat sie gesagt, als ich sie das
erste Mal traf. »Es ist nie das, was du erwartest, und immer genau das, was du erwartest.«
Mir war alles recht, zerrissen, wie ich war, wie das Land, aus dem ich kam, neunzehnhundertsiebenundachtzig. Ich hatte nur eines im Sinn: weg, bloß weg, weiter
nach Westen, so weit es geht, bevor es wieder Osten wird. Das habe ich ihr nicht gesagt.
Amerika sollte frei sein, unberührt von dem, was vorher war. Es war ein Neuanfang ...

Erschienen 2011 im Droemer-Knaur Verlag.



Westwärts, so weit es nur geht >> eine Leseprobe

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Droemer-Knaur

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Dezember 1977: Alles sollte anders werden, als Susanne Schädlich die DDR verließ. Doch es war der Beginn einer dramatischen Zerreißprobe. Der Westen war fremder als gedacht, und der lange Arm der Stasi verfolgte die Familie auch hier. Erst Jahre später, im geeinten Deutschland, gelang es Susanne Schädlich, anzukommen. Aber Geschichte vergeht nicht, sie holt einen immer wieder ein …

Ihr neues Buch „Immer wieder Dezember“  Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich. Erschienen im Verlag DROEMER-KNAUR - Verlag, München

Leseprobe:

Immer wieder Dezember



Auf der Suche nach Heimat in einer zerrissenen Welt, Web-TV, Droemer Knauer Verlag


Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich


Es war ein Montag, genauer gesagt, der 5. Dezember. Später Nachmittag. Schon dunkel. Vielleicht verregnet. Sicherlich kalt. Ich kam von der Musikschule. Stieg aus der Straßenbahn, überquerte die Mahlsdorfer Straße in die Genovevastraße. Links der Wald, rechts der Bürgersteig, spärliches Licht von einsamen Laternen. Ich war die einzige dort. Ich weiß nicht, ab wann, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt rannte ich das Stück Genovevastraße bis zur Ecke Rotkäppchenstraße. Nicht aus Angst vor Geistern im Birkenwald. Nicht aus Angst vor dem Mörder, von dem wir Kinder uns erzählten. Erst im Herbst hatten zwei Freunde und ich auf dem Bordstein gesessen und uns ausgemalt, was tun, wenn ein Mann käme und uns Kekse anböte. Nicht annehmen natürlich. Ein Mann, der Kekse anbietet, ist ein Mörder.
Ein Mann kam die Straße entlang. Er hatte eine Packung Kekse in der Hand, aß. Wir blickten gierig. Er bot uns welche an. Zögernd schüttelten wir die Köpfe. Der Mann zuckte mit den Schultern und warf die Packung weg. Wir blickten ihm nach. Irgendwann stand ich auf, holte sie, setzte mich wieder zu meinen Freunden. Wir aßen sie alle. Und wir warteten darauf, an einer Vergiftung zu sterben.
Der Mann war kein Mörder.
Und die Männer, die nachts kamen, wenn die Eltern sich mit Freunden trafen? Das geschah in jener Zeit häufiger. Es gab viel zu besprechen.
Ich lag im Bett und wartete auf das Klingeln. Und es kam. Ich lief zum Wohnzimmerfenster, spähte aus der Dunkelheit hinunter auf die Straße. Da standen sie. Immer zu zweit. Trenchcoat und Hut. Sie klingelten noch einmal. Die Pforte war unverschlossen. Sie hätten die Klinke herunterdrücken können. Das taten sie nicht. Sie redeten. Sie sahen zu mir herauf. Lange. Ich wusste, sie wussten, dass wir alleine waren. Ich hielt ihren Blicken in der Dunkelheit stand. Den Eltern sagte ich nichts. Mit den Männern in Trenchcoats wurde ich alleine fertig.
An der Ecke Rotkäppchenstraße hörte ich zu rennen auf. Langsam, als sei nichts, ging ich zum Haus Nummer 5. Ich klingelte wie immer. Ich drückte die Pforte auf wie immer. Ich stieg die Treppe hoch wie immer. Die Mutter öffnete mir die Tür. Nicht wie immer. Wir gingen in ihr Arbeitszimmer, sie sagte: »Setz dich, ich muss dir etwas sagen.« Ich setzte mich auf die weiße Liege mit der blauen Matratze. Die Mutter zog die Tür hinter sich zu: »Wir ziehen um. In den Westen, Samstag.« Sie sagte nicht, warum. Das musste sie nicht. Ich wusste, es hatte mit den Schriftstellern zu tun, die über die letzten Jahre immer wieder zu uns gekommen waren, mit dem, was ein Jahr zuvor mit der Ausbürgerung Biermanns begonnen hatte, mit dem Buch des Vaters, das erst vor ein paar Monaten im anderen Teil Deutschlands erschienen war.
Der Westen! Meine Augen müssen geleuchtet haben. Das, was ich im Fernsehen gesehen hatte, sollte ich mit eigenen Augen sehen. Nicht warten müssen, bis ich Großmutter war. Das waren die ersten Gedanken. Dann: Was soll aus den Freunden werden? Was aus der Schule? Was mit unseren Sachen?

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Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Droemer-Knaur